Räder der Vergangenheit – Oldiebus-Club Wiesbaden

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Publiziert am von sensorWI

 

Von Rebekka Farnbacher; Fotos Heinrich Völkel und Andrea Diefenbach

Reinhold Sturny sitzt hinter dem großen Steuerrad auf dem Fahrersessel, der Dieselmotor röhrt laut auf, mit einem zufriedenen Lächeln blickt er über die Schulter in die Fahrerkabine: „Der muss erst vorglühen, das ist schließlich etwas Historisches!“ Ein rotes Lämpchen über dem Anlasser zeigt das Aufwärmen des Motors an, ein langer Schalthebel vibriert vor dem Tacho. Der Oldtimer vom Typ Daimler-Benz 317 hat von 1961 bis 1973 seine Wiesbadener Fahrgäste befördert und so manches zu bieten, was in einem modernen Stadtbus schon lange nicht mehr zu sehen ist – nicht zuletzt den Flair der Vergangenheit.

Alles begann mit eben diesem khakigrünen Oldtimer. Im Jahr 1993 musterte die Berufsfeuerwehr das verdienstvolle Fahrzeug, das nach seiner Linienbus-Ära als mobile Funkzentrale fungiert hatte, aus. So gelangte er durch Zufall erneut in die Hände der ESWE-Verkehrsgesellschaft, wo er sieben Jahre lang in liebevoller Kleinarbeit restauriert wurde.

Ersatzteile existieren vielfach gar nicht mehr, Mechaniker, die sich solcher Schmuckstücke annehmen können, sind ebenso rar. „Die Faszination liegt in der Technik, die besser erlebbar und daher besser zu verstehen ist als in den modernen Fahrzeugen, in denen alles versteckt liegt“, erklärt Sturny. Laptop versus grobes Werkzeug – könnte man zusammenfassen. Aus dieser Leidenschaft ist 2009 der Oldiebus-Club entstanden, in dem, neben den Vorsitzenden Jörg Gerhard und  Reinhold Sturny, mittlerweile 45 Mitglieder – hauptsächlich aus den Reihen des Verkehrsunternehmens – ihrem Hobby frönen.

Win-Win auf der ganzen Buslinie

Aber so schön ein Oldtimer in der Garage auch ist, ein bisschen Ausfahrt soll auch dem pensionierten Dienstgefährt gegönnt sein. Deshalb entschieden sich die Vereinsmitglieder gegen das Risiko „eckiger Räder“ und schickten den O 317 wieder auf die Piste. Zwar gemäß des Schonmodus` eines Oldies nur während der Sommermonate und nur für kurze Strecken, aber mit dem Drive der Swinging Sixties. So dient er als mietbares Mobil für Hochzeiten, Betriebsausflüge und Theaterveranstaltungen. Ermöglicht werden die Restaurationen und Fahrten auch finanziell durch ESWE und Geschäftsführer Stefan Burghardt. Dadurch können die Busfans ihre Freude am Erhalt des Alten ausleben und das Unternehmen kann sich präsentieren – Win-Win auf der ganzen Buslinie sozusagen.

Auch Freunde des guten Krimis gewinnen mit dem Oldie in Aktion. Im April geht die erfolgreiche Improtheater-Reihe „Krimi im Bus“, eine Kooperation mit dem Ensemble „Für Garderobe keine Haftung“ , in die vierte Runde. Das neben den ohnehin packend inszenierten Mordfällen Spannende: niemand weiß im Vorhinein, was im Stück passiert. Die Kreativität des Publikums ist gefragt, um den Schauspielern Vorgaben zu. Außerdem dürfen und sollen die Zuschauer mitermitteln. Denn wer der Mörder ist, weiß über das gesamte Stück hinweg nur eine Person: der Mörder selbst. „Das Improtheater ist mit Musik vergleichbar“, berichtet Schauspielerin Claudia Stump: „Auf der Bühne sind wir völlig frei und lassen uns vom Moment inspirieren, und von dem, was das Publikum einbringt.“ Die Kunst ist es also, auf die gesamte Umgebung spontan reagieren zu können. Allein die Motorenlautstärke des Busses zu übertönen, ist eine Herausforderung. Gewünschte Anfahrtsorte, mitgebrachte Beweisstücke, sowie alle Personen sind am Entstehungsprozess beteiligt, das ist das Mitreißende für den Mitreisenden.

Sturny erinnert sich gerne daran, wie er die heutigen Oldtimer als kleiner Junge auf der Straße in Wiesbaden hat fahren sehen: „Auch die Standorte wecken Erinnerungen.“ Und da ist es wieder: das zufriedene Lächeln. Doch diesmal nicht wegen des lauten Dieselmotors, sondern der stillen – ganz individuellen – Reise in die Vergangenheit.

Kontakt Oldiebusclub: info@wibus.com

An zwei Krimi im Bus-Terminen finden Mottoabende mit passender Kostümierung statt.

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