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„Swan Lake Reloaded“ – Breakdance auf dem Schwanensee

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Text und Fotos: Dirk Fellinghauer

Es ist ein steiler Weg nach oben. Enge Treppen führen hinauf in den Tanzsaal des „Moving Arts Base“-Zentrums im Londoner Außenbezirk Islington. Normalerweise stehen hier Yoga, Pilates, Tango oder auch Treffen der britischen Nudisten auf dem Plan. Heute aber wollen die Anwesenden etwas anderes: eine Rolle in der international erfolgreichen Ballett-Streetdance-Show „Swan Lake Reloaded“. Aus ganz Europa sind Tänzerinnen und Tänzer zur „open audition“ angereist: Kandidaten kommen einfach vorbei, ohne Anmeldung, ohne Vorauswahl, ohne Zulassungsbeschränkungen . Für gerade mal eine Handvoll von ihnen wird sich der Aufwand bezahlt machen.

Für den Großteil der Kandidaten hingegen platzt der Traum schon nach wenigen Stunden. Nur ein paar Augenblicke hat jeder, um in vorgegebenen Choreographien unter kritischen Blicken des Produktionsteams zu zeigen, was er drauf hat. Am Ende von Tag 1 des zweitägigen Auswahlverfahrens wird eine lapidare Liste im idyllischen Hof des Zentrums aufgehängt. Auf ihr sind die Nummern der Tänzer aufgelistet, die am nächsten Morgen wiederkommen dürfen, zum „Recall“. Erstaunlich regungslos nehmen die Ausgesiebten zur Kenntnis, dass sie es nicht gepackt haben – und ziehen hoffnungsvoll weiter zur nächsten Audition, irgendwo sonst auf der Welt. Knapp vierzig zumindest vorübergehend Glückliche quittieren ihre Nummer auf der Liste mit Jubel – und geben am nächsten Tag nochmal alles für das große Ziel, eine der sehr wenigen Rollen zu ergattern.

Wer wird diesmal Teil der internationalen Erfolgsgeschichte?

Wer es schließlich schafft, wird Teil einer internationalen Erfolgsgeschichte. In der Heimatstadt Stockholm ist „Swan Lake Reloaded“ seit der Uraufführung 2011 ein Dauerbrenner. Die Show wird auf Europatourneen gefeiert und nun erstmals im Londoner Westend, einem der am härtesten umkämpften Musicalpflaster der Welt, gezeigt. Der abendliche Besuch der Show zeigt: „Swan Lake Reloaded“ besteht die Bewährungsprobe. Das kurzweilige, witzige, originelle Stück, bei dem allein die technisch-visuell sensationelle Eröffnungsszene den Besuch wert ist, wird auch im Coliseum Theater kräftig bejubelt.

Fredrik Rydmann ist der Erfinder des Schwanensee-Updates voller guter Einfälle und starker Bilder. Der schwedische Choreograph, Jahrgang 1974, schüttelt den Schwänen den Staub aus den Federn und bringt dem Tschaikowsky-Klassiker, der 1895 uraufgeführt wurde, den Streetdance bei. Klassischer Tanz wird vereint mit coolen Moves, klassische Melodien bekommen Gesellschaft von Beats und Samples. Die dramatische Liebesgeschichte wird ins Hier und Jetzt katapultiert, das Geschehen in das verruchte Milieu von Drogen und Prostitution verlegt.

Bei aller Konkurrenz ist die Stimmung locker

All das fesselt und begeistert nicht nur das Publikum. Die Show hat auch Magnetwirkung auf Tänzer, die zum einen natürlich immer auf Jobsuche sind, zum anderen speziell hier große Lust drauf haben, in einer wirklich coolen und zeitgemäßen Show mitzuwirken. Entsprechend groß ist der Andrang. 300 Tänzerinnen und Tänzer drängen sich im „Moving Arts Base“-Center in den Kabinen und im Tanzraum mit dem festen Willen, die Verantwortlichen davon zu überzeugen, dass genau sie es sind, die bei der anstehenden Europatournee dabei sein sollten. Bei aller Konkurrenz ist die Stimmung untereinander locker und freundschaftlich, bei aller Anspannung und Konzentration wird auch viel gelacht. Fredrik Rydman, der früher selbst Tänzer war und deshalb genau weiß, wie die Kandidaten sich fühlen, und die Profis in seinem Team haben Aufgabe, aus den vielen Guten die wenigen Besten auszuwählen. Eine Aufgabe, die offenbar einfacher ist als sie erscheint. Der unbedarfte Beobachter ist durchweg baff vom Dargebotenen und findet so ziemlich alle Kandidaten klasse. Der geübte Profi Fredrik sieht, wie er uns abends beim gemeinsamen Dinner im italienischen Restaurant Giovanni´s erzählt, mit wenigen Blicken, wer tatsächlich in Frage kommt. Wer am Ende das Rennen gemacht hat und bei der aktuellen Tour auf der Bühne steht, tanzt und springt, schmachtet, leidet, intrigiert und kämpft, erfährt das Rhein-Main-Publikum im Februar Februar. Dann ist die spektakuläre Show bei einer von nur drei Deutschland-Stationen der Tour direkt vor der Wiesbadener Haustür in Frankfurt zu erleben.

„Swan Lake Reloaded“ ist vom 11. bis 16. Februar in der Jahrhunderthalle zu sehen. www.swan-lake-reloaded.de, www.jahrhunderthalle.com . Wir verlosen 3×2 Freikarten für die Premiere am 11. Februar: Mail an losi@sensor-wiesbaden.de