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Ein Abend voller Wucht: „Die satanischen Verse“ feiern das pralle Leben und begeistern in der Wartburg – sensor verlost Freikarten

Die satanischen Verse Nach dem Roman von Salman Rushdie In einer Fassung des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden Regie: Ihsan Othmann Bühne & Kostüme: Bartholomäus Martin Kleppek Auf dem Bild Ensemble Foto: Andreas Etter

Von Dirk Fellinghauer. Fotos Andreas Etter.

„Alles stinkt hier nach Schweiß und Angst.“ Was eine Zustandsbeschreibung zur Premiere von „Die satanischen Verse“ in der Inszenierung des irakisch-deutschen Regisseurs Ihsan Othmann hätte werden können, war lediglich eine Textzeile im Stück selbst. Im Premierenpublikum hingegen war wohl keinem wirklich mulmig zumute, obwohl es im Vorfeld nur ein Thema gab: die Sicherheit. Weil der britisch-indische Bestsellerautor Salman Rushdie seit der Veröffentlichung seines Romans nach einer Fatwa mit einem 1989 von Ajatollah Khomeini im Jahr verhängten Todesurteil leben muss, sorgt auch die Aufführung des Stoffs am Staatstheater Wiesbaden für einen Ausnahmezustand. „Wir haben frühzeitig Kontakt zur Polizei gesucht. Diese hat Einschätzungen vorgenommen, denen wir nun zu folgen haben>“, begründete Intendant Uwe Eric Laufenberg die Maßnahmen, auf die er selbst gerne verzichtet hätte. Andererseits beschert der Wirbel seinem Haus Publicity, gegen die er sicher nichts einzuwenden hat. Und verschafft einem Stück Aufmerksamkeit, die sonst vielleicht ausgeblieben wäre, die aber – das zeigte der beeindruckende Premierenabend – weit über das Sicherheitsthema hinaus berechtigt ist

 

Wer Eintrittskarten kaufte, musste sich im Vorfeld mit der Angabe persönlicher Daten registrieren lassen. Am Eingang der Wartburg, mitten auf der Multikulti-Meile Schwalbacher Straße gelegen, folgte dann eine Ausweiskontrolle. Lautet Piepen erfüllte das Treppenhaus, in dem die Besucher noch Schlange standen, als die Aufführung schon hätte beginnen sollen. Klare Devise: „Sicherheit geht vor“. Mit Handsonden wurden die Theatergänger abgescannt, Taschen natürlich inspiziert. Ein Pressesprecher passte auf, dass die „Einlasssituation“ nicht fotografiert wurde. Und auf den Weg zum Theaterraum wie in den Zuschauerreihen selbst waren rund ein Dutzend streng blickender Menschen mit Knopf im Ohr unübersehbar. Auch Beamte, die nicht auf den ersten Blick identifizierbar waren, sollen im Einsatz gewesen sein. „Alles ist weniger spektakulär als es klingt, und es gab auch keine konkreten Drohungen“, beruhigte eine Sprecherin des Staatstheaters. Entsprechend entspannt reagierten die Besucher auf die Tortur. Hier und da wurde gewitzelt, ansonsten konnte der Geschäftsführende Direktor des Staatstheaters, Bernd Fülle, sein im Vorfeld gegebenes Versprechen halten: „Alle Maßnahmen erfolgen unter der Prämisse, dass wir einen völlig normalen Theaterabend aufrecht erhalten wollen, bei dem das Stück selbst im Vordergrund steht.“.

Nach drei kurzweiligen Stunden die Quintessenz: Das Leben ist ein einziger Widerspruch

Das gut dreistündige Stück selbst geriet für das Publikum zu einer so langen wie kurzweiligen und ereignisreichen Reise in die Welt der Religion, vor allem aber in eine Welt elementarer Fragen des Lebens, der Philosophie und der Poesie. Der Regisseur und sein achtköpfiges starkes Schauspielensemble, das Höchstleistungen vollbringt, hat auf Basis des 700-Seiten-Romans, den fast jeder kennt und kaum jemand gelesen hat, einen Abend voller Wucht geschaffen. Götter, „der eine“ Gott, Engel, Teufel und immer auch wieder einfach nur allzu menschliche Menschen kommen vor. Große Fragen des Daseins werden abgehandelt – mit der Quintessenz, dass das Leben an sich ein einziger Widerspruch ist – dazu mal zart und zärtlich, mal derbe und laut auch persönliche Dramen und Leidenschaften, menschliche Abgründe Zweifel und Schwächen, gezeigt.

Die satanischen Verse Nach dem Roman von Salman Rushdie In einer Fassung des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden Regie: Ihsan Othmann Bühne & Kostüme: Bartholomäus Martin Kleppek Auf dem Bild Benjamin Krämer-Jenster, Tobias Rott Foto: Andreas Etter

Auf einer offenen, breiten Treppenbühne, die fast genauso viel Platz einnimmt wie der Zuschauerraum, schafft Ausstatter Barholomäus Martin Kleppek mit einfachen Mitteln starke, poetische und oft überraschende Bilder. Der Berliner Schauspieler Tobias Rott (Foto vorne), der die Rolle auch schon 2007 bei der ersten (und bisher einzigen) „Satanische Verse“-Inszenierung in Potsdam gespielt hatte, und Stefan Graf brillieren als Teufel-Engel-Gegenspieler in den kräftezehrenden Hauptrollen, Uwe Kraus fesselt als Erzähler mit einer zerfledderten, also offenbar intensiv gelesenen, Romanausgabe in der Hand. Die weiteren Darsteller schlüpfen souverän in unterschiedlichste Rollen, die in der tempo- und ideenreichen Aufführung in einem Wechselbad zwischen leisen Tönen und lautem Getöse ohne Scheu vor Klamauk ein buntes Kaleidoskop an Charakteren, Gesichtern, inklusive Tiermasken, und Gedanken erschaffen.

Herausforderung und beste Unterhaltung

„Die satanischen Verse“ in Wiesbaden fordern das Publikum heraus, unterhalten es aber auch bestens. Man kann sich tief in die Thematik einarbeiten – Infomappen mit Glossar lieben bereit – kann das Stück aber auch „einfach so“ genießen und vieles mitnehmen. Vor allem, in dem sie das pralle Leben feiert, vermittelt die Aufführung subtile Kritik an jenen Kräften des Islam, die genau dieses verbieten wollen. Der kräftige, lang anhaltende Schlussapplaus galt dem Gesehenen so sehr wie dem Mut und der Entschlossenheit aller Beteiligten, den brisanten Stoff in unruhigen Zeiten auf die Bühne zu bringen. Ein von dem Abend geradezu berauschter Intendant, der die Aufführung in seine persönliche „Top 10“ aller bisher erlebten Inszenierungen katapultierte, verkündete bei der Premierenfeier: „Ich werde alles dafür tun, damit diese Aufführung lange lebt.“ Über einen Umzug der Inszenierung in eine größere Spielstätte denke er bereits nach. 

Weitere Aufführungen am 26., 28. Mai, im Juni (2., 4., 5., 12., 15. 19.) und am 3. Juli, jeweils 19.30 Uhr. Wir verlosen 3×2 Freikarten für die Vorstellung am 26. Mai sowie ein Exemplar des Romans „Die satanischen Verse“ – Mail an losi@sensor-wiesbaden.de (Gewinner und ihre Begleitung müssen Geburtsdatum und eine Telefonnummer angeben und sich bei der Aufführung ausweisen). Alle Infos hier.

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