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Ein starkes Stück: Die Wiesbadenerin Mia Constantine hat eine Hommage an ihren Vater Eddie Constantine auf die Bühne gebracht

 

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Von Dirk Fellinghauer. Fotos Arne Landwehr/Jochen Quast.

2. April 2016, Theater Regensburg. Applaus, Jubel, Begeisterung im bis fast auf den letzten Platz gefüllten großen Haus. Das Publikum hat „Dear Eddie“ gesehen – das besondere Porträt eines besonderen Künstlerlebens, des Schauspielers Eddie Constantine. Die „biographisch-musikalische Hommage“ ist ein großer, ein grandioser Abend mit Leichtigkeit und Tiefgang, mit Witz, Ironie und Emotion, ein kurzweiliger Abend und genau das, was Eddie Constantine selbst verkörperte: beste Unterhaltung. Dass der ewige Vagabund ein nicht nur produktives, sondern ein bühnenreifes Leben führte, liegt auf der Hand. Dass es nun ausgerechnet seiner 1981 geborenen Tochter Mia Constantine gelungen ist, dieses Leben in einen Theaterabend zu packen, ist ein Kunststück und eine reife Leistung. Der Abend bringt meisterhaft eine Biografie auf die Bühne, die im doppelten Sinne kaum zu fassen ist.

Schon das Geburtsdatum ist unklar. Geboren 1913. Oder war es 1917? Als Sohn eines russischen Vaters und einer polnischen Mutter, die in die USA auswanderten, wuchs Edward Constantinowsky in Los Angeles und Providence auf. 1933 ging er nach Wien, um Opernsänger zu werden. Am Konservatorium studierte er klassischen Gesang. Drei Jahre später wurde er Chorsänger in New York. Ende der vierziger Jahre ging es wieder nach Europa. In Paris traf er Edith Piaf, wurde ihr Geliebter, sie seine wichtigste Lehrerin und Mentorin: „Außer ihr hatte ich keinen Fürsprecher. Sie war es, die das Rad des Schicksals für mich drehte“, schrieb Eddie Constantine.1952 begann die Filmkarriere.

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Rund 50 Filme – vom Debüt 1953 mit „Egypt by Three“ bis zu Lars von Triers „Europa“ im Jahr 1990 – listet Wikipedia auf, wohlgemerkt als Auswahl. Eddie Constantine wurde als FBI-Geheimagent „Lemmy Caution“ berühmt, zum gefeierten Vorbild und zur Projektionsfläche für eine ganze Generation junger Männer. Er war so etwas wie der Vorgänger von James Bond – weshalb das Stück „Dear Eddie“ mit Adeles „Skyfall“ endet -, war auch als Sänger erfolgreich, spielte nach seiner großen Ruhmeszeit als Charakterdarsteller in zahlreichen Kunst-, Autoren- und Avantgardefilmen. All das in einen Bühnenabend zu verwandeln, gelingt Mia Constantine durch einen Kunstgriff. Sie gestaltet das revueartige Stück so, wie das Leben ihres Vaters war und wie er es in der Autobiographie „Cet Homme N´est Pas Dangereux“ selbst beschreibt:  collagenartig, bruchstückhaft, munter hin- und herspringend zwischen Zeiten und Figuren, Realität und Imagination, „die Falle der Vollständigkeit“ souverän umschiffend. Und doch ergibt sich am Ende ein wahrscheinlich ziemlich zutreffendes Gesamtbild von Eddie Constantine.

Destillat eines aufregenden Lebens

„Dear Eddie“ ist das Destillat eines aufregenden Lebens (dass das Stück exakt die klassische Filmlänge von 90 Minuten hat, war so nicht geplant, gefällt Mia nun aber sehr) – gespielt, gesungen, getanzt von gleich vier Eddies, flankiert von einer Frau in mehreren Rollen, komplettiert von Filmeinspielungen auf großer Leinwand.  Und getragen von einer famosen Liveband, deren Kopf Ralf Schurbohm akribisch recherchiert und virtuos arrangiert hat.

„Seine Biographie hat keine klare Linie“, erklärt Mia Constantine, warum ihr schnell klar war, dass sie nicht chronologisch arbeiten würde. Überhaupt fand sie die ganze Idee eines solchen Abends „erst mal ziemlich abwegig“. Aber die Schauspielleiterin am Theater Regensburg, Stephanie Junge, stolperte nun mal vor vier Jahren über den Namen der neuen Regieassistentin am Haus, die hier nach Abi an der Martin-Niemöller-Schule in Wiesbaden, Studium in Frankfurt, Berlin und Ulm und diversen Hospitanzen ihr erstes Festengagement antrat.

Tonnen von VHS-Kassetten als Ausgangsbasis

Mias Skepsis legte sich schon bald in der Entstehungsphase, spätestens nach dem Treffen mit den beteiligten Musikern. Ihr wurde schnell klar, dass man mit Musik viel erzählen kann, zumal bei der großen Bandbreite auch des gesanglichen Schaffens ihres Vaters. Nachdem „Tonnen von VHS-Kassetten“ aus dem Familienarchiv  digitalisiert und gesichtet waren, viel Musik gehört und Fotos durchgeschaut waren und nach dem Verfahren „Was macht Spaß?“ versus „Mit was kann man gar nichts anfangen?“ ausgesiebt wurden, nahm das Stück langsam erste Formen an: „Wo waren entscheidende Drehpunkte der Karriere?“ wurde für die junge Regisseurin zur Leitfrage für den roten Faden des Stücks, obwohl es genau diesen ja im Leben des Eddie Constantine nicht gab.

In Bildern zu denken war der Plan, groß zu denken hat sich ergeben

„In Bildern zu denken“, wurde ihr zur Maxime einer „eher assoziativen“ Herangehensweise. Dabei auch groß zu denken, war nicht die erklärte Absicht, ergab sich aber aus dem Lauf der Dinge. Constantines ausufernde Ideen in Sachen Bühnenbild, Kostüme, Kulisse, Ausstattung und Effekte brachten regelmäßig nicht nur die involvierten Techniker ins Schwitzen, sondern auch die Controllingabteilung des Theaters.

Die Regisseurin selbst musste schnell kapitulieren vor ihrer Ursprungsidee, ein „exemplarisches“ Künstlerleben erzählen zu wollen. Es musste dann doch explizit das Eddie-Constantine-Künstlerleben werden, auch wenn dieses durchaus auch Raum für Verallgemeinerungen lässt. Wenn Eddie Constantine über das Wesen und die Schattenseitens des Ruhms sinniert, für den man seine Seele an den Teufel verkaufe, ist das gerade heute ein hochaktuelles Thema. Und gleichzeitig ist „Dear Eddie“ auch eine vergnügliche Zeitreise in die Vergangenheit. Der Abend kommt an.

Beim Spaziergang durch Regensburg freut sich die 35-Jährige, dass eine der größten Buchhandlungen der Stadt anlässlich ihres Stücks ein Schaufenster mit Plakat, Musik, Filmen und Büchern ihres Vaters dekoriert hat. Genauso freut sie sich über bestens verkaufte Vorstellungen und darüber, dass sich Presse wie Publikum für den Abend interessieren und begeistern. Es hätte ja auch anders kommen können.

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14. April 2016, Wiesbaden, Jugendstilvilla nähe Parkstraße. Eddie Constantine ist präsent in der weitläufigen Wohnung, in der er bis zu seinem Tod im Februar 1993 lebte. Gleich beim Betreten fällt der Blick unweigerlich auf eine Sammlung privater Familienfotos im Flur, an einer Wand hängen gerahmte Bilder von Dreharbeiten mit Jean-Luc Godard und handgeschriebene Grüße des Meisterregisseurs an den Darsteller. Im Wohnzimmer stapeln sich VHS-Kassetten mit beruflichen und privaten Aufnahmen, an einem Regal hängt ein Hut, sein Hut. Eddie Constantine ist auch präsent im Leben seiner Witwe Maya und seiner Tochter Mia. Immer schon und nun, durch den Theaterabend, durch die intensive Beschäftigung, durch die große Aufmerksamkeit wieder mehr denn je. Mutter und Tochter bilden sich nichts darauf ein, sie finden es – das merkt man, wenn sie über Eddie und über ihre Arbeit am Stück erzählen – einfach schön.

Persönlicher, aber nicht privater Theaterabend

Maya und Mia erzählen liebevoll, aber nüchtern über den Ehemann, den Vater, den Schauspieler und Sänger. Auch der Theaterabend, der „persönlich, aber nicht privat ist“, eine Hommage aber eben keine Huldigung ist, liefert keine Verklärungsversuche, eher schon Erklärungsversuche. Für eine Karriere voller Drehungen und Wendungen – von einem der bestbezahlten Filmschauspieler seiner Zeit zu einem Darsteller, der 1985 im Wiesbadener Tagblatt auf die Frage nach seinem Hobby antwortete: „In Filmen mitwirken oder Filme produzieren. Was früher des Geldverdienens wegen geschah, ist seit 15 Jahren ein echtes Hobby“. Zu dieser Zeit war seine große Leinwandzeit längst vorbei, junge Autorenfilmer hatten ihn nun entdeckt, auch gerne besetzt, aber selten bezahlt. „Er tat dies, weil er die jungen Filmemacher unterstützen wollte“, erinnert sich seine Witwe. Neben fantastischen Arbeiten wie dem biografisch inspirierten Film „Tango durch Deutschland“, in dem sie sogar selbst als Schauspielerin mitwirkte, sei auch „einiges an Schrott“ dabei gewesen: „Das hätte man eigentlich verbieten müssen“, schüttelt Maya Constantine, die ihren Mann als ZDF-Redakteurin kennenlernte, noch heute über den Dilletantismus jener Tage den Kopf: „Aber es hat im einfach Spaß gemacht.“

Kultfigur über den Ruhm hinaus

Der große Ruhm war vorbei, der Kult ist geblieben. Und hält bis heute an. Bei Nostalgikern natürlich, die zu seinen großen Zeiten Eddie-Fans waren. Und bei Kennern, die ihn verehren. Der vielleicht prominenteste Eddie-Constantine-Verehrer ist Götz Alsmann, der einige seiner Songs aufgenommen hat und auch auf der Bühne singt. Manche Beinahe-Begegnungen mit Constantine hat Alsmann am Ende immer knapp verpasst. Umso erfreuter – und fast ehrfürchtig – nutzt er  heute Gelegenheiten, sich mit Witwe und Tochter zu treffen und auszutauschen. Mit Mia verabredete er sich nach einem Auftritt in Regensburg, Maya lud er 2013 zu seinem Auftritt beim Rheingau Musik Festival im Kurhaus ein. Auf der Bühne erzählte er, so war damals in der F.A.Z. nachzulesen, „dass er etwa in seiner Jugend sämtliche Eddie-Constantine-Filme verschlungen hat, obwohl der katholische Filmdienst davon stets ausdrücklich abriet.“

Erinnerungen an „verrückte und tolle Zeit“ mit Eddie Constantine

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Maya Constantine erinnert sich gerne an die gemeinsame „verrückte und tolle Zeit“ mit einem Mann, der den Starrummel hinter sich gelassen hatte und nun in Wiesbaden auch die Ruhe genoss und sich ganz anderen Dingen, zum Beispiel Pferden und eben auch dem Vater-Sein, widmete. Und sie genießt es, nun gemeinsam mit Tochter Mia die Erinnerungen aufleben zu lassen. Zumal die Arbeit am Stück streckenweise ähnlich abenteuerlich war wie das Leben, das erzählt wird. „Es liest sich schön, man fühlt sich beglückt“, sagt Maya auch über die bereits 1955, also weit vor ihrer gemeinsamen Zeit, verfasst Autobiographie „C ´est Homme n´est pas dangereux“ – ein Fundstück, das sie eigens für „Dear Eddie“ aus dem französischen Original ins Deutsche übersetzt hat. Auch ihr war anfangs nicht wohl bei dem Gedanken, dass die Tochter nun aus dem Leben des Ehemann und Vaters ein Theaterstück macht. „Ich hatte Angst, was das wohl wird, es ist ja auch ein Risiko“, erzählt sie rückblickend. Eine Woche vor der Premiere schaute sie sich das fast fertige Stück an: „Von da an hatte ich ein gutes Gefühl.“ Ein Gefühl, das sich bestätigen sollte. Es gab und gibt viel Zuspruch, tolle Momente, intensive Begegnungen.

Mia Constantine erwartet nun deshalb nicht unbedingt ein großes Eddie-Constantine-Revial, sieht ihr Stück aber doch durchaus als „Teaser“, auch die jüngere Generation neugierig zu machen auf die Arbeit ihres Vaters: „Viele gehen aus der Vorstellung und sagen, jetzt schauen uns auch mal einen Film von ihm an. Und die Filme machen ja auch heute noch total Spaß“, findet die Tochter. Eddie Constantine war, und ist bis heute, ein Stück Wiesbaden. Was läge näher, als dieses starke Stück über Eddie Constantine nun auch in Wiesbaden auf die Bühne zu bringen. Staatstheater, übernehmen Sie!

Der Trailer des Stücks:

„Dear Eddie“ läuft noch am 22. Mai, 22. Juni und 5. Juli am Theater Regensburg. www.theater-regensburg.de